//ME SUPERHERO//higher sense, reign on me


Das ist so eine Sache mit dem Lebensweg. Heutzutage reicht es nicht mehr, wenn man arbeitet. Wie ordinär. Man muss was Großes machen, ‘was mit Medien’, was Kreatives, mit Reisen, Sport, Weltrettung. Sagen, was man zu sagen hat, der Welt was hinterlassen. Dementsprechend ist man auch was Großes, kreativ (wichtiges Schlagwort), individuell, frei und autark, ohne Limits, cool und verdammt nochmal ausbalanciert. Kurz: Man muss sich selbstverwirklichen.
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Leider hat die Selbstverwirklichung ein paar Haken. Der Selbstverwirklicher muss ganz schön viel einstecken, Schläge ins Gesicht und Niederlagen und immer wieder aufstehen. Zweifel muss er erleiden, ob der Weg überhaupt das Richtige ist, und zwar beinah jeden Tag. Er muss einen Haufen Selbstvertrauen und Disziplin mitbringen, denn – das ist das Beste und gleichzeitig Schlimmste an der Selbstverwirklichung – niemand zwingt ihn dazu. Niemand drückt dem Selbstverwirklicher die To-Do-Liste samt Timing aufs Auge oder bestätigt “so machst du das richtig, mein Kind”. Der Selbstverwirklicher tritt sich freiwillig selbst in den Hintern, jeden Tag, denn der Letzte, der hier das Sagen hat, ist er selbst.
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Für Selbstverwirklichung gibt es leider kein Geld, oder zumindest himmelhergottnochmal wenig. Das kann ganz schön Angst machen. Darum sollte der Selbstverwicklicher sich ein Beispiel an den Selbstverwirklichungs-Hardlinern nehmen, die – tadaa – kein Geld brauchen. Sie machen gar aus der Not die Tugend, indem sie sagen, Geld ist uncool. Mehr noch: Konsum ist Kommerz. Die Improvisation aus den finanziellen Grenzen heraus erschafft schließlich ganz neue Styles, 1-Euro-Hosen vom Flohmarkt und selbstgebastelte Fahrräder. Das ist wenigstens richtig autark und one of a kind. ‘Bohemian’ heißt der Trend. Zu H&M gehen kann ja jeder.
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Der Selbstverwirklicher muss kämpfen, sich quälen, bluten, wenigstens ein bisschen. Da finden die Selbstverwirklichungs-Hardliner: ohne Leidensdruck, kein Genietum. Sonst hat der Teilnehmer ja keine Messlatte außer das Leiden, denn er macht den Quatsch nur nach eigenem Maßstab. Also je mehr Leid, desto genialer? Und je mehr Plackerei, desto eher kann der Selbstverwirklicher damit angeben. Denn Fleiß ist hierzulande die größte Tugend (wieso auch immer). Da muss er sich erst verausgaben, Blut und Wasser spucken bis zum Zusammenkrachen, und dann hat er was geschafft. Wozu nochmal? Ach ja, die Selbstverwirklichung.
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Ich muss gestehen, ich bin selbst ein wenig so. Ich will ja immernoch Superheld werden. Die Ideale, woher auch immer die kommen, und die beknackte Sinnsuche haben meinen Geist früh in Beschlag genommen. Ich bin sehr empfänglich für Kampfparolen, denn sich Abrackern und Ergebnisse einheimsen fühlt sich lebendig an. Außerdem bin ich bei meinem Lebenslauf nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen, und weil am Ende nicht mehr viel übrig blieb, musste ich mir ein Selbstverwirklichungs-Prinzip basteln. Ich liebe das Gefühl von gewisser Autarkie: Die Früchte, die ich esse, habe ich gesät (das ist übrigens wiedermal eine Analogie, ich bin kein Gärtner). Die Energie, die ich verbrauche, verwende ich oft für mein Ding. Die Selbstverwirklichung ist ein großer schöner Kreislauf mit mir als Quellen und Mündung. Aber sie kann auch eine echt blöde Sau sein und nerven.
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Nicht jeder ist so (bescheuert) und, auch wenn der Trend was anderes sagt, sich gegen die Selbstverwirklichung zu entscheiden ist total legitim. Ein echter Selbstverwirklicher ist man nicht, weil man will, sondern weil man muss. Wieso quälen, wenn man nicht muss? Wenn ein Bruce-Lee-Motivationscoach anfeuert: “Mensch Junge, kämpf und mach was aus deinem Leben,” dann funktioniert gut und gerne auch die Antwort: “Nö, wieso?” Wenn jemand die Bequemlichkeit liebt, den Stillstand, sich über das Gewohnte freut, über das warme Bett, das Zuhause und möglichst wenig Reibung, dann frage ich mich: Warum zur Hölle bin ich nicht auch so? Die Sehnsucht danach steckt in jedem. Ich finde, diese herrlich normalen Menschen können echt froh sein über ihr Ding.
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Beide Seiten, die Selbstverwirklicher und die ‘normalen Menschen’, sollten nicht fremdeln, sie sollten sich gegenseitig akzeptieren und voneinander lernen. Das mag wie eine Schleimpredigt klingen, aber ich kenne doch die Pappenheimer. Ein bisschen Leichtigkeit und Loslassen kann dem Selbstverwirklicher nicht schaden, ein bisschen Elan und Selbständigkeit dafür den anderen nicht. Denn meiner Meinung nach ist nicht Fleiß die Tugend schlechthin, sondern: Glücklichsein. Im ganz eigenen, individuellen, saucoolen Sinn.

4 comments
  1. olesja said:

    erstmal fettes dankeschön. das kompliment reich ich an loddeee weiter. die wird sich freuen. und musiktipps kommen immer wieder. ich durchforsche die welt nach allem. aaallem :DD

  2. man muss wollen,
    und ich will wollen
    was die zukunft bringt ist noch nicht entschieden.

  3. zuviel der Ehre. du bist sehr weise
    und mutig. darum mag ich deine texte

  4. erst einmal vielen dank für deinen kommentar. zweitens finde ich deinen “selbstverwirklichungs post” sehr gut. weiter so.

    xoxo

    jo.hanna

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