„Die neuen Hartherzigen“:Worum geht es hier eigentlich?

Macht der Sozialstaat überhaupt Sinn? Oder zerstört er nur die natürliche Großzügigkeit der Wohlhabenden, weil er sie zum Zahlen zwingt? Diese Fragen hat Sloterdijk gestellt und eine Argumentations-Lawine losgetreten. Die Zeit hat sich dem Thema „Sozialstaat“ in einer spannenden Reihe gewidmet, zuletzt mit einem herrlichen und schrecklichen Beitrag von Kulturchef Jens Jessen.

Sloterdijk plädierte in seinem Gedankenspiel für eine Alternative zur sozialen Demokratie: Statt die Reichen zu zwingen, sollten wir sie lieber an ihrem Ehrgefühl und schlechten Gewissen packen und freiwillig spenden lassen. Ja. Sicherlich. Super Idee. Und leider so utopisch, das kann er nicht ernst gemeint haben. Andere sahen das wohl nicht so:

Aber das war eben das Unheimliche an der Debatte: dass ein kleines, kaum durchdachtes Gedankenspiel eines kaum ernsthaften Philosophen noch einmal nötig machte, alle Selbstverständlichkeiten der sozialen Demokratie, ja die Selbstverständlichkeiten des gemeinschaftssichernden modernen Staates vorzuführen und zu begründen.

Die Debatte ist ein Zeichen für einen neuen oder zumindest stärker gewordenen, kühlen Trendwind, den ich nicht erst seit der Wahl und fragwürdigen Parolen wie „Anwalt für alle Tüchtigen“ spüre:

Die Starken sehen die Schwachen als ein Klotz an ihrem Hals hängen. Es kennzeichnet das gesellschaftliche Klima, dass Armut nicht mehr als sozialpolitische Herausforderung gesehen wird, sondern nur als Hinweis auf die Untüchtigkeit der Armen. Anders gesagt: Wer nicht zu den Gewinnern der globalisierten Verteilungskämpfe gehört, soll offenbar wieder betteln lernen.

Schön ist auch Jessens Frage, wie die „neuen Hartherzigen“ überhaupt auf die Idee kommen, dass sie ihr Einkommen …

… einzig der eigenen Leistung verdanken“. (…) Oder andersherum gefragt: Wie weit wären die Sloterdijks und Bohrers gekommen, wenn statt der sozialdemokratischen Bildungsoffensive private Suppenküchen und Kleiderspenden ihre Jugend begleitet hätten?

Tja, im Wettern gegen die feindlichen Lager sind immer die am größten, die deren Situationen nicht kennen. Leider wohl auch die vermeintlich „Klugen” mit den lautesten Stimmen in der Öffentichkeit.

Ich frage mich, worum geht es bei der Zeterei der Eliten – die übrigens in einem absurden Verhältnis zu Sloterdijks Grundannahme von einer elitären Mildtätigkeit steht – wirklich? Um Geld? Darum, dass der Einzelne statt des Luxuszimmers die Luxus-Suite beziehen will? Das kann es doch nicht sein. Etliche Forschungen zeigen, dass der Mensch ab einem bestimmten Grad an Reichtum den Unterschied zu noch mehr Reichtum gar nicht checkt. Weil der Mensch in Relationen fühlt und nicht in Absolutwerten, macht ihn mehr Reichtum auf die Dauer nicht glücklicher. Im Gegenteil.

Worum geht es dann? Ich sage, es geht ums Prinzip. Darum, dass wir einfach nichts von unserer Beute abgeben wollen. Basta. Selbst wenn sie schon verwest, weil wir das Riesenvieh allein nicht fressen (bzw. wahrnehmen) können, wir schleichen drumherum und verteidigen es. Reines instinktives, ja tierisches Handeln, das jetzt natürlich noch biestiger wird, wo es noch weniger Beute zu verteilen gibt.

Ich sag um Gottes Willen nicht, dass ich nicht auch ein Tier in mir habe. Das wäre ja noch schöner. Aber genau deswegen brauchen wir Hilfe dabei, damit jeder Einzelne sein Tier am Riemen reißen kann. Und einen Geist, der das Bändigen befürwortet und die Vorzüge einer Gesellschaft erkennt. Wie erreichen wir das? Durch Bildung, Kultur, große Denker und Vorreiter und leider auch nur durch auch einen Staat, der all das erst möglich macht.

Was ist der Preis dafür, dass wir unserem Instinkt unterliegen? Oder besser: Was gewinnen wir, wenn wir über unser Tier hinaustreten? Na, sowas Ähnliches wie Glück. Eine Gesellschaft. Gedankengut, weniger Angst, weniger Gewalt. Das ist soviel mehr wert, als das fette Auto.

Nunja, dies ist genauso ein utopisches Gedankenspiel wie der Ausgangsgedanke dieses Textes. Ich bereite mich schon mal auf eine Faule-Eier-Lawine vor, weil ich das Wort (aka Hirngespinst) „sozial“ überhaupt noch in den Mund nehme. Und danach bereite ich mich darauf vor, dass die Vororte hier irgendwann verslummen, dass die staatlichen Krankenhäuser zusammenfallen, dass wir Selbstschussanlagen in unseren Grundstücken installieren, um unsere Villen zu schützen. I don´t get it.

Vor der Apokalypse noch unbedingt den Beitrag in der Zeit lesen.

PS: Krasser Typ: Ein paar Ausnamen wie Bill Gates bestätigen, es gibt keine Regel außer die des Einzelnen, der sich am Riemen reißt/reißen lässt.

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