OVERKILL:Sam in der Konsumhölle

Hilfe! Wer hat eigentlich diesen Zirkus erfunden? Ich würde die Stadt in dieser Zeit nicht mal mit einer halben Fußzehe betreten, wenn nicht die Familie hinter mir fuchteln würde. Folge: Mit Kater und leichten Kreislaufschwankungen von der gestrigen Nacht durch die Temperaturschwankungen der Kaufhäuser. Uff. Wahnsinnig langsame Menschen eiern vor mir rum, als suchten sie eigentlich Terminal 2 (nein, warte … ICH will da hin!). Klaustrophobische Attacken. Weihnachtsmusikanten mit albernen Mützen und hysterischer Blasmusik. Natürlich erwische ich die längste Schlange an der Kasse, in der ich NIE drankomme, weil die Zahler vor mir in jeder Ritze ihrer Portemonnaies nach Einskommafünf-Cent-Stücken graben. „Ah, ich hab´s! Nein, doch nicht.“ Mein Hintermann hustet mir in den Nacken und rammt mich so lange mit dem Einkaufswagen, bis er sich einbildet, dass es schneller geht. In der Nachbarschlange glotzt der Idiot, der mich zuvor in der Deko-Abteilung gefragt hat, ob er mal in meine Weihnachtskugel beißen darf (?). Gott, bitte. Ich hab ihn nur angeknurrt. (Falls sich das zufällig angehört haben sollte wie “und ich schneid Dir Deine ab und stopf damit den Truthahn”, war das natürlich keine Absicht.) Ich kauf eine beknackte Salami für elf Euro. Draußen Gestank aus klebrigem Glühwein, in altem Fett frittierten Schuhsohlen und – ich sach´s mal ganz pauschal –  Siff. Drin auch nicht besser. Und was ein ZEUG. Leute, wofür braucht Ihr den Scheiß??? So viele Möglichkeiten sich anzuziehen, zu fressen, das Gesicht zuzukleistern … was ist das alles? Ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, geschweige denn anfangen. Und nach drei Stunden des Irrens muss ich nachhause, weil eine Deadline ruft. Macht Euern Zirkus doch allein. Bis in genau einem Jahr.

In dem Zusammenhang könnte ich mal zum Besten geben, wie jemand sich fühlt, der vorher noch nie so wirklich wahrgenommen hat. Es geht um

Sam in der Konsumhölle:

Auf seiner Rückkehr vom Park bemerkte Sam ein Magenknurren. Er konnte sich nicht mal an das Hungergefühl erinnern, denn normalerweise aß er immer zu einer bestimmten Zeit, bevor das Gefühl einsetzen konnte. Jetzt hatte das Essen ihn vergessen. Und das Sandwich hatte die Zeit genutzt, einen Krater zu hinterlassen, aus dem es ab und an nach oben gluckerte. Sam machte sich auf die Suche nach etwas Nahrhaftem, und schon wenige Straßen später stieg er ins Erdgeschoss eines riesigen Kaufhauses hinab, wo ein Essparadies auf ihn wartete. Aus Lautsprechern klangen Fahrstuhlmusik, Meeresrauschen und der hypnotische Singsang einer Fraustimme, die Sonderangebote aufzählte. Gleich am Eingang frohlockten Schokolade, Gummibärchen und undefinierbare runde glasierte Dinger. In der Mitte salutierten Waren aufgestellt in endlosen Reihen, die Sam in ihrer köstlichen Vielfalt überwältigten. Hier Soßen mit Oliven, Kräutern, sagenhaften sieben Käsesorten, da Nudeln mit Algen, Chili, Spinat, dort Brot mit Nüssen, süß, salzig, in flacher, Stäbchen- oder Kringelform. Dazu das Kühlregal mit zahlreichen Pizza-, Lasagne- und Tiefkühlmischsorten und allem, was der Magen begehrte. Auch das Auge begehrte die Farben, Formen und Designs. Die Konserven posierten ordentlich aufgereiht, nach Marken sortiert und mit dem Gesicht nach vorne. Duftschwaden zerrten Sam durch den Markt. An der einen Theke roch es heimelig nach Teig und Butter, nach Puderzucker und Kaffee, woanders schlug der Käse mit einer scharfen Aromakeule zu, und beim Fisch übertrumpfte eine Urlaubsbrise aus Kräutermarinade die andere. Sam, dessen Hunger sich mittlerweile bis zum Brustkorb heraufgearbeitet hatte, fühlte sich wie eine Biene in einem Rosenbeet aus Erdbeeren und Äpfeln, Rosmarin und Basilikum. Hunger.

Glücklicherweise wurden an jeder Ecke Köstlichkeiten zu Promotionszwecken feilgeboten. Sam begann mit einem Stück Käse und knabberte sich über Chips und Kuchenstücken zu den Keksen vor. Das hatte allerdings nur noch mehr Kraterrumpeln zufolge. Der Hungrige stellte eine leichte Überforderung fest, als er eine rettende Oase entdeckte: Bei den geliebten frischen Waren stand ein Mädchen, das Sommerobst verköstigte. Mit seinen langen schwarzen Haaren, der caramelfarbenen Haut und den purpurfarbenen Lippen sah es aus, als sei es gerade aus seinem Bastrock und Bikini geschlüpft. Sam stellte sich vor den Stand und begutachtete die bunte Früchte-Pracht. Die Melone in mehreren Varianten kannte er, außerdem entdeckte er die Mango. Wo es auch schon aufhörte.

„Papaya, Granatapfel, Kaktusfeige, Litschi, Passionsfrucht.“ Das Mädchen machte ein magisches Gesicht, und Sam lächelte zurück.

„Normalerweise kenne ich so was nur in viereckiger Form. Aus der Dose.“

„Haha. Was möchten sie als erstes probieren?“ Sam deutete auf die Wassermelone. „Sie Feigling,“ ertappte das Mädchen ihn. „Dennoch eine gute, da saftige Wahl.“

Das Mädchen zückte ein Messer mit blitzender Klinge, zog es sanft und sadistisch zugleich durch das Fleisch wie durch Butter und steckte es auf einen Holzspeer. Sam nahm ihr den Zahnstocher aus der Hand, stopfte die sperrige rote Pyramide in den Mund und tatsächlich: Schon beim ersten leichten Druck mit dem Gaumen schoss der Saft aus den Poren des Melonenstückes. Er strömte spürbar in alle Richtungen, über die Zunge bis nach hinten und dann unter der Zunge entlang an den Backenzähnen vorbei. Die Frucht schmeckte so süß und frisch wie ein Sommertag am Meer, und beim Schlucken kitzelte ein leicht saurer Nachgeschmack am Zäpfchen. „Wahnsinn.“ Sofort griff Sam zum orangefarbenen Stück einer unbekannten Frucht und war erstaunt über ihre zarte, leicht mehlige Konsistenz, die Zungenspitze und Schneidezähne streichelte. Sie übertraf die Melone sogar an Süße. Danach wählte Sam eine seltsam anmutende kleine Frucht, die offenbar noch in Schale gepackt war. „Die Litschi. Sie müssen sie erst schälen. Warten sie, ich zeigs Ihnen.“ Mit flinkem Finger entfernte das Mädchen die Schale. „So und nun sie.“ Mühselig popelte Sam den lederartigen Mantel einer zweiten Litschi ab und hielt das Ergebnis, das eigentlich „Glitschi“ heißen müsste, unbeholfen in der Hand. „Na, und nun weg damit. Sie müssen aufpassen, da ist ein dicker Kern drin.“ Die kleine Obst-Kannibalin führte das glänzende Etwas zum Mund und verpasste ihm mit wunderbaren spitzen Zähnen einen zärtlichen Biss. Sie kaute ein-, zweimal, dann öffnete sie ihre ebenso saftigen Lippen und ließ die Frucht, die doch etwas zu groß war für ihren süßen Mund, hineinschlüpfen. Trotz ihres meist geschlossenen Mundes konnte Sam erahnen, wie sie mit Zunge und Zähnen den runden Glückspilz hin- und hermanövrierte, drehte und lutschte, um das Fleisch vom Kern zu trennen. Dabei schloss sie kurz genüsslich die Augen, machte eine Mischung aus Schmatz- und Kussgeräuschen und nuschelte „hmm, ein bisschen sauer, saftig und frisch“. Beim letzten Wort entwischte ein klarer Tropfen aus Saft und Speichel ihren Lippen, den ihre nasse dunkelrote Zunge flugs wieder einfing. Sam steckte paralysiert seine Litschi in den Mund und knatschte heftig darauf herum. Wenn er seinen Tod aussuchen könnte, würde er sich von dieser Frau essen lassen. Er wollte das noch einmal sehen. Nein, er wollte mit ihr zusammen eine Litschi essen und gemeinsam mit ihr den Saft der Leidenschaft saugen, während sich ihre Zungen trafen. Sofort griff er nach dem nächsten Stück Obst und steckte es dazu, während er den Blick nicht von ihrem Mund lösen wollte. Dann noch eins und noch eins… „Lassen sie noch was für die Nachfolger übrig.“ Das magische Gesicht des Mädchens ging in ein irritiertes Grinsen über. „Ich kauf ein paar“, quetsche Sam heraus. Mit einer Obsttüte im Arm und Scham obendrauf eilte Sam so weit weg, wie er konnte, während er noch unter dem bitteren zerkauten Litschikern litt.

(Auszug aus Magdas Auftragsarbeit. Drückt die Daumen, dass das Ding verlegt wird!)

1 comment
  1. melancholieunduebermut said:

    ich drück dir die daumen!

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