MARIE

Ich kannte sie schon lange vom Sehen. Natürlich kannte ich sie: Die passende Beschreibung wäre so was wie „Engel, der in einen Rußtopf gefallen ist“; mit riesigen schwarzen Augen im Puppengesicht und mit dem ebenso schwarzem langen Haar. Sie hat mich im Supermarkt gegrüßt, auf der Straße, in der Kneipe. Immer mit einem schüchternen, beinah verängstigten Lächeln.

Eines Morgens hat mein zweiter Eindruck den ersten bestätigt. In meinem Stammcafé, wo wir beide Leute kennen, kamen Marie und ich ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie ein Vorstellungsgespräch in einer Detektei hat. Normalerweise arbeitet sie im Nachtleben – in einem Club, in dem es auf Konzerten auch mal derber zugeht. Während der ganzen Unterhaltung sprach ihre Stimme so leise, als würde sie mir ein Geheimnis erzählen. Ihre Augen mit den langen Wimpern sahen aus der Nähe noch puppenhafter aus. Sie ließen kaum ein richtiges Lachen zu. Wir blieben flüchtig freundlich. Ich drückte ihr die Daumen.

Mit den Monaten im Café lernte ich ein wenig von ihr kennen. Aus dem Job in der Detektei war nichts geworden, aber in der Gastro hatte Marie sowieso viel zu tun. Sie zeigte mir ein Handyfoto mit einem Bild, das sie für ihre Tochter gemalt hatte. Es schmückte so lange deren Zimmerwand, bis die beiden wieder einmal umziehen mussten. Marie singt und stand im Finale bei einem Karaoke-Wettbewerb. Wieder drückte ich ihr die Daumen. Auch, als es um ihre Beziehung ging, die wie so oft im Chaos lag. Und auch, als es um ihr Befinden ging, weil sie mal wieder eine Achterbahnfahrt durchlebte. Obwohl sie sich okay fühlte mit den Medikamenten, die sie ein wenig vor ihrer Depression schützen. Ich wusste nie so ganz, was mit Marie los war, und ich fragte auch nicht. Ich erfuhr nur einmal, dass sie mit 16 in einem Stripclub getanzt hat.

Mittlerweile … ja, man kann sagen, wir haben uns angefreundet. Ich weiß nun, dass Marie eine Zwillingsschwester hat. Dass sie früher wahnsinnig viele – insgesamt um die 100 – Männer hatte bis zur Sucht, um Selbstbestätigung und Selbstzerstörung zugleich zu erreichen. Sie kennt die ganze Rotlichtszene aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel, inklusive Transen, Junkies, Nutten. Von ihrer Arbeit in der Gastro? Wahrscheinlich auch das. Aber in erster Linie von ihrer bewegten Jugend und Partyvergangenheit. Marie taut mir gegenüber immer mehr auf. Wenn ihre Umgebung einigermaßen vertraut ist, spricht sie auch mal mit (für ihre Verähltnisse) lauter Stimme. Hin und wieder schimmert zarte Aggressivität durch, die sie hinter Humor versteckt. Und als wir uns zum ersten Mal verabreden, erzählt sie von ihrer Vergangenheit.

Marie ist in Bonames aufgewachsen – einem sozialen Brennpunkt, der mir nur bekannt ist von der organisierten Kriminalität. Als Kind steckst Du wohl zwangsweise in so einer Bande, die „krumme Dinger“ dreht. Eines Tages hatte ein weibliches Bandenmitglied den Verdacht, dass Marie sie verraten hatte. Sie war vielleicht fünfzehn, als sie aus dem Cooky´s rauskam und als die Rivalin ihr auflauerte. Sie baute sich vor Marie auf, war viel größer und älter. Erst pöbelte sie rum, Marie sei eine Verräterin. Dann fing sie an, auf die Kleine einzuprügeln. Windelweich. Marie versuchte zu fliehen, rannte ein Stück zurück in die Richtung des Clubs, aber sie kam nicht weit. Die Feindin schnappte sie wieder und zerrte sie in einen Hauseingang, wo keiner sie sehen konnte. Marie erklärt mir: „Kennst Du das, wenn Leute so zappeln, weil sie voll sind mit Adrenalin? Weil sie was vorhaben?“ Ich gestehe, ich glaube nicht, dass ich das kenne. Aber für Marie war damals schon klar, dass sie abgestochen werden sollte, bevor sie das Messer sah. Sie weiß nicht mehr wie, aber sie schaffte es, bis zum Hintereingang vom Cooky´s zu fliehen. Dort hatten alle Feierabend, sodass sie beim Rausgehen Marie am Zaun fanden.

„Die Frau hatte gar keinen Verdacht. Sie hat sich nur daran aufgegeilt, eine Schwächere zu verprügeln.“ Marie lacht. Ihr Lachen ist besonders entwaffnend. Ich äußere meinen Respekt, dass sie es geschafft hatte, nach der Tortur noch zu rennen. Aber sie selbst wundert sich nicht. Sie ist Prügel von ihren Eltern gewohnt.

Früher hat sie sich vorgestellt, wie sie ihre Eltern umbringt. Heute ist Marie schwer depressiv, sie hat eine (relativ) niedrige Grenze zur Gewalt, hinter ihr liegt eine bewegte Drogenvergangenheit und wer weiß, mit welchen Mitteln sie manchmal an ihr Geld kam. Die Kameraden aus ihrer Kindheit und Jugend sind heute mit wenigen Ausnahmen Junkies, gehen anschaffen oder sind positiv. Einen davon hat Marie neulich auf der Straße erkannt. Er ist obdachlos und wahnsinnig geworden. HIV steht in bestimmten Teilen des Milieus an der Tagesordnung. Ein Freund erzählte Marie, er sei froh, dass er sich endlich angesteckt habe, dann müsse er sich keine Gedanken mehr machen. In einem Bordell haben sich von 12 Mädchen zwei als negativ erwiesen. Die Freier zahlen ja auch mehr für ungeschützten Sex. Bitte sehr.

Marie hat es einigermaßen da rausgeschafft. Sie ist eine wunderbare, kluge und sensible Person, die toll Geschichten erzählen kann und immer etwas ausgeben will, obwohl sie selbst kein Geld hat. Dass sie nicht zum Milieu gehört, liegt sicher an ihrem Willen, vielleicht ein wenig am Glück, aber auch an ihrem Aussehen. Ihre dichten Augenbrauen schwingen sich zur Gesichtsmitte hin ein Stück nach oben, sodass sie sogar beim Lachen Melancholie ausdrücken. Mit ihrer Psyche und Vergangenheit bleibt Maries Leben immer gefährlich. Ich würde sie gern beschützen, aber das kann ich nicht. Ich drücke ihr einfach weiterhin die Daumen.

Via: Brushes von deviantart über designzzz.com und noch bessere bei damnedinblack.

2 comments
  1. Lena said:

    Jetzt sei doch nicht gleich wieder so destruktiv!

  2. Magda said:

    Wenn mir nochmal ein ignoranter Arsch erzählt, jeder könnte es schaffen, wenn er nur will, dann lasse ich mal meinen zarten Hang zur Aggressivität walten!

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